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07.06.10

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AZ Kultur am Ort 27. September 00

"Gemischte Kost"                  

Theater auf neuen Pfaden

AllgäuPfeffer experimentiert

„Gemischte Kost – Leichtes und schwer Verdauliches“: ...war das Ergebnis von zwei Werkstatt – Projekten unter der Leitung von Johanna Tögel. Die vier Männer, die den ersten Teil des Abends bestritten, ...zeigten großen Mut, zumal unter den Vieren nur ein „alter Hase“ zu finden war. Ohne großes Lampenfieber erkennen zu lassen, stürmten die Künstler nur mit einer Tonne bewaffnet, die Bühne....Kurz wurde ein imaginäres Fernsehstudio mit dubiosen Gästen und einem aggressiven Moderator gestreift, ...Tonnen aufgeschichtet, ...Zuschauer mit maskierten Schauspielern konfrontiert. Letztendlich ging es um Emotionen, die die Schauspieler sehr gekonnt dargestellt hatten.  ...heiterer gestaltete sich der zweite Teil. Vier Schauspielerinnen durften jeweils nur eine Requisite benutzen. Die Aufträge an die Schauspieler wurden willkürlich von Zuschauern gezogen und laut vorgelesen, währenddessen hatten sie Zeit, in ihre jeweilige Rolle zu schlüpfen, ...wie zum Beispiel die Granitpflegerin oder die Schadhafte. Ohne Textvorgabe war es beeindruckend, was die Vier leisteten. Wie angekündigt war die „gemischte Kost“ alles andere als leicht verdaulich. Allerdings bestach sie durch Individualität und Lebendigkeit.

 

AZ Oberallgäu und Kempten Kultur  am Ort 06.10 01

„King Kong`s Töchter“                

Sterben als Klamauk

Theater „AllgäuPfeffer“ imponiert mit „King Kong`s Töchter“

Kann man über Euthanasie, Sex im Alter, verrückte Senioren und Pflegefälle lachen? Man kann, meint zumindest Theaterautorin Theresia Walser. Ihr Stück „King Kong`s Töchter“ ist eine groteske Komödie, die das Lachen wie das Grauen provoziert, eine ethisch – dramatische Gratwanderung, die von Schauspielern wie Zuschauern viel abverlangt. Über 300 Besucher erlebten im Stadttheater eine bemerkenswerte und rundum geglückte Inszenierung der Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“.

Als „Stewardessen für die letzte Reise“ sehen sich die drei desillusionierten und gelangweilten Altenpflegerinnen Berta (Christine Fleischhauer), Carla (Gabriele Sodeur) und Meggie (Beate Schmid). Ein bisschen Spaß muss sein, denken sie sich und inszenieren mit den ihnen Anvertrauten die Todesszenen verstorbener Kino-Stars. „Sterben ist klein genug, da darf man ruhig ein wenig übertreiben“ lautet ihr Motto. In dieser Nacht bekommt die fast 80 – jährige Frau Tormann (Elke Gehring) als blondes Filmsternchen Mae West ihren glamourös – makabren Abgang. Doch als der Abenteurer Rolfi (Frank Wiele) hereinschneit, steigt bei Pflegerinnen wie Heiminsassen der Hormonspiegel...

Keine Frage, „King Kong`s Töchter“ ist für manchen schwerer Tobak. Das Stück laviert zwischen Sensibilität und Respektlosigkeit, Komik und Trauer, Poesie und Geschwätzigkeit, Normalität und Wahnsinn. Keine leichte Aufgabe für eine Laientruppe. Doch „AllgäuPfeffer“ meistert sie mit bewundernswerter Souveränität. Das Ensemble spielt aus einem Guss. Es glänzen nicht nur die Hauptdarstellerinnen. Eva Marischka, Ulrike Rogg, Bianca Seifert und Rainer Lenzenhuber oder Christoph Müller – ihnen und den anderen scheinen die Rollen auf den Leib geschrieben.

Das von Johanna Tögel entworfene Bühnenbild ist einfach – funktional und raffiniert – phantasievoll zugleich und ermöglicht mehrere simultane Spielebenen, die von den Schauspielern konzentriert und effektvoll genutzt werden. Ob Täter (Pflegerinnen) oder Opfer (Heimbewohner und Rolfi), die skurrilen Figuren wachsen einem so allesamt ans Herz. Mit viel Gespür nimmt die Regisseurin immer wieder das Tempo heraus aus dem mitunter wahnsinnig anmutenden Klamauk. Am Ende sind es die leisen Szenen, die berühren, die haften bleiben. Und hier zeigt das „AllgäuPfeffer“ – Ensemble eine erstaunliche Reife und Professionalität.

Von Mitarbeiter Michael Dumler

 

 

 

2002

 

Im Tod wie ein Star

„King Kongs Töchter“ bieten einen makaberen Service

Von Klaus Schmidt
Immenstadt: Ältere Menschen erinnern sich oft gern an die Vergangenheit. Die Zeit, in der sie selber jung waren, an ihre Schlager- und Leinwand-Idole. Doch ist daraus nicht unbedingt zu schließen, dass sie selber gerne einmal so sein möchten wie diese Show- und Filmstars. Und schon gleich gar nicht, dass sie unbedingt so sterben möchten wie jene. Doch genau diesen Service bieten drei Pflegerinnen den Bewohnern eines Altersheims. Und zwar in Theresia Walsers Theaterstück „King Kongs Töchter“, das das Laien-Ensemble „Allgäu-Pfeffer“ mit Professionalität und Phantasie im Immenstädter Hofgarten zeigte. „Sterben ist klein genug, da darf man ruhig übertreiben“, meinen die drei Altenpflegerinnen und entwickeln daraus ihre makabere Philosophie. Sie verschaffen ihren Patienten einen glamourösen Abgang und werten dadurch ihre eigene Stellung auf: zu „Chefdisponentinnen des Todes“, zu „Stewardessen für die letzte Reise“. So versuchen sie ihre eigene Sehnsucht zu stillen. Die Sehnsucht nach Erfolg und einem Beruf, auf den man stolz sein kann. Denn bisher blieb ihnen gesellschaftliche Anerkennung offenbar versagt. Mit wildem Eifer stürzen sie sich deshalb auf die im Rollstuhl dahinvegetierende, von ihrem Sohn abgeschobene Frau Torwald, schminken und kostümieren sie als Mae West und sorgen dafür, dass sie mehr oder weniger sanft entschlummert. Ein Ende, das erstrebenswert erscheint? Ein Absprung aus dem Karussell der Eintönigkeit: Wie müde gewordene Raubkatzen im Käfig drehen die Bewohner im Heim ihre immer gleichen Runden, von der Außenwelt abgeschnitten: Sie bewegen sich im immer gleichen Trott, hängen den immer gleichen Gedanken nach, lassen sich auf die immer gleiche Art bevormunden. Die Ausweglosigkeit der Situation machen Inszenierung und Bühnenbild von Johanna Tögel deutlich: Die Altenheimbewohner können sich während des gesamten Spiels niemals vor den Blicken des Zuschauers zurückziehen. Ihre Zimmer sind einsehbar auf einem offenen Gerüst im Hintergrund untergebracht, die Privatsphäre zur Schau gestellt. In diesem Dauereinsatz geben die Darsteller jeder Figur ein sehr persönliches Profil: Eva Marischka mimt zum Beispiel die etwas einfältige und dennoch kesse Gerti, die sich den zufällig irgendwo aufgelesenen jungen Abenteurer Rolfi (Frank Wiele) schnappen möchte. Oder Ulrike Rogg kennzeichnet Herrn Nübel als einen Mann, der stets gute Laune verbreitet. Selbst dann noch, als er Rolfi versehentlich durch einen Stromschlag ins Jenseits befördert hat. Solches Skurrilitäten-Kabinett zeichnen Regie wie Schauspieler durchaus realistisch. Das macht das Stück der Tochter des Schriftstellers Martin Walser um so erschütternder. Denn auch die Titelheldinnen sind dank des darstellerischen Talentes von Christine Fleischhauer, Beate Schmid und Gabriele Sodeur keine Schreckschrauben, sondern Menschen mit Sehnsüchten und Leidenschaften. So bleibt dem Zuhörer bei den zahlreichen grotesken Pointen dieses von der Zeitschrift „Theater heute“ als „Stück des Jahres 1999“ ausgezeichneten Werkes das Lachen oft im Halse stecken. Zum Beispiel wenn King Kongs Töchter die Kostümierung der Todeskandidaten verteidigen: „Sterben und sich selbst dabei noch ähnlich sein, das ist zuviel verlangt.“

 

2003

 

 

Geschlachteter Sündenbock

Drastisch: Theatergruppe „AllgäuPfeffer“ serviert in Immenstadt die böse Satire „Paniertes“

Von Veronika Krull

Immenstadt
Die Fassade ist freundlich: Zwei Familien treffen sich an einem großen, ansprechend dekorierten Tisch zu einem gemeinsamen Mahl. Gastgeberin Therese hat ihre Kochkünste in köstlich panierten Schweineschnitzeln erstarren lassen. Gepflegte Tischmusik erklingt, etwas gespreizte Höflichkeiten werden ausgetauscht. So weit, so gut. Wäre da nicht zu Beginn der gestelzt heiteren Tafelrunde eine zerrissene Gestalt aufgetaucht, eine junge Frau, die mit leicht verstörtem Gesichtsausdruck auf Therese und ihren Gatten Reinwald deutet: Zu dieser Frau, zu diesem Mann habe sie seinerzeit gehört.
So startet das Stück „Paniertes“ der jungen österreichischen Autorin Margit Mezgolich, in Szene gesetzt von der Kemptner Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“ im Hofgarten zu Immenstadt. Eineinhalb Stunden am Stück spielen die acht Schauspieler unter der äußerst einfühlsamen Regie von Johanna Tögel. Die Szenen sind eindringlich, bisweilen drastisch und hinterlassen bei den Zuschauern ein beklemmendes Gefühl.
S., das geistig etwas zurückgebliebene Mädchen, eine Pflegetochter von Therese und Reinwald, unterbricht immer wieder das fröhliche Schmausen und kratzt an der aufgesetzten Fassade, bohrt den Finger in die Panade und offenbart das wahre Gesicht der Akteure. Reinwald hatte mal ein Verhältnis mit Sybilla, Sybillas invalider Ehemann ertränkt seine Probleme in Alkohol, Thereses Bruder Hubert verging sich an seiner Nichte Scarlet, Therese klaut wie ein Rabe ...
„Das Es“, wie die später von ihren Pflegeeltern verstoßene junge Frau als Abkürzung für „Schwein“ oder auch als quasi gesichtsloses Neutrum bezeichnet wird, ist Zeugin dieser Verfehlungen und muss schließlich als Sündenbock herhalten. Gemeinschaftlich bemächtigt sich die feine Gesellschaft des Mädchens und bringt es um, schlachtet es regelrecht ab mit einem Stich in die Halsschlagader – wie ein Schwein eben. Oft genug hatte es ja zuvor geheißen: Es frisst, es stinkt.
Überaus eindringlich ist das Spiel der kleinen und engagierten Laientruppe. Sie alle agieren wie Profis, ein jeder geht in seiner Rolle auf, als sei sie ihm auf den Leib geschrieben. Christine Fleischhauer als S. gelingt es, die Figur der Außenseiterin sehr präzise darzustellen, Gabriele Sodeur ist eine ebenso verführerische wie gezierte Sybilla und ihre brave Tochter Antonia, die so herrlich ausflippen kann, wird sensibel nachgezeichnet von Ulrike Rogg.
Christoph Müller als „Leitwolf“ Reinwald, seine perfekte (Haus-)Frau Therese alias Eva Marischka, aber auch Nadine Schneider als die missbrauchte und zynische Tochter Scarlet und ihr schmieriger Onkel (Rainer Lenzenhuber) sowie der steifbeinige Georg (Wolfgang Hebenstreit) als Anhängsel der kraftvollen Sybilla – sie alle tragen mit dazu bei, dass die Zuschauer nachhaltig beeindruckt den Heimweg antreten.

Auf ihrer kleinen Allgäu-Tournee wird die Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“ mit ihrem Stück „Paniertes“ auch in Sonthofen ein Gastspiel geben: am Samstag, 29. März, im Haus Oberallgäu.

 

 

November 2002 AZ Oberallgäu/Kempten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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