AZ Kultur am Ort 27.
September 00
"Gemischte
Kost"
Theater
auf neuen Pfaden
AllgäuPfeffer
experimentiert
„Gemischte
Kost – Leichtes und schwer Verdauliches“:
...war das Ergebnis von zwei Werkstatt – Projekten unter der Leitung von
Johanna Tögel. Die vier Männer, die den ersten Teil des Abends bestritten,
...zeigten großen Mut, zumal unter den Vieren nur ein „alter Hase“ zu
finden war. Ohne großes Lampenfieber erkennen zu lassen, stürmten die Künstler
nur mit einer Tonne bewaffnet, die Bühne....Kurz wurde ein imaginäres
Fernsehstudio mit dubiosen Gästen und einem aggressiven Moderator gestreift,
...Tonnen aufgeschichtet, ...Zuschauer mit maskierten Schauspielern
konfrontiert. Letztendlich ging es um Emotionen, die die Schauspieler sehr
gekonnt dargestellt hatten. ...heiterer
gestaltete sich der zweite Teil. Vier Schauspielerinnen durften jeweils nur eine
Requisite benutzen. Die Aufträge an die Schauspieler wurden willkürlich von
Zuschauern gezogen und laut vorgelesen, währenddessen hatten sie Zeit, in ihre
jeweilige Rolle zu schlüpfen, ...wie zum Beispiel die Granitpflegerin oder die
Schadhafte. Ohne Textvorgabe war es beeindruckend, was die Vier leisteten. Wie
angekündigt war die „gemischte Kost“ alles andere als leicht verdaulich.
Allerdings bestach sie durch Individualität und Lebendigkeit.
AZ Oberallgäu und Kempten Kultur am Ort 06.10 01
„King
Kong`s Töchter“
Sterben als Klamauk
Theater „AllgäuPfeffer“ imponiert mit
„King Kong`s Töchter“
Kann man über Euthanasie, Sex im Alter, verrückte
Senioren und Pflegefälle lachen? Man kann, meint zumindest Theaterautorin
Theresia Walser. Ihr Stück „King Kong`s Töchter“ ist eine groteske Komödie,
die das Lachen wie das Grauen provoziert, eine ethisch – dramatische
Gratwanderung, die von Schauspielern wie Zuschauern viel abverlangt. Über 300
Besucher erlebten im Stadttheater eine bemerkenswerte und rundum geglückte
Inszenierung der Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“.
Als „Stewardessen für die letzte Reise“ sehen sich die
drei desillusionierten und gelangweilten Altenpflegerinnen Berta (Christine
Fleischhauer), Carla (Gabriele Sodeur) und Meggie (Beate Schmid). Ein bisschen
Spaß muss sein, denken sie sich und inszenieren mit den ihnen Anvertrauten die
Todesszenen verstorbener Kino-Stars. „Sterben ist klein genug, da darf man
ruhig ein wenig übertreiben“ lautet ihr Motto. In dieser Nacht bekommt die
fast 80 – jährige Frau Tormann (Elke Gehring) als blondes Filmsternchen Mae
West ihren glamourös – makabren Abgang. Doch als der Abenteurer Rolfi (Frank
Wiele) hereinschneit, steigt bei Pflegerinnen wie Heiminsassen der
Hormonspiegel...
Keine Frage, „King Kong`s Töchter“ ist für manchen
schwerer Tobak. Das Stück laviert zwischen Sensibilität und Respektlosigkeit,
Komik und Trauer, Poesie und Geschwätzigkeit, Normalität und Wahnsinn. Keine
leichte Aufgabe für eine Laientruppe. Doch „AllgäuPfeffer“ meistert sie
mit bewundernswerter Souveränität. Das Ensemble spielt aus einem Guss. Es glänzen
nicht nur die Hauptdarstellerinnen. Eva Marischka, Ulrike Rogg, Bianca Seifert
und Rainer Lenzenhuber oder Christoph Müller – ihnen und den anderen scheinen
die Rollen auf den Leib geschrieben.
Das von Johanna Tögel entworfene Bühnenbild ist einfach
– funktional und raffiniert – phantasievoll zugleich und ermöglicht mehrere
simultane Spielebenen, die von den Schauspielern konzentriert und effektvoll
genutzt werden. Ob Täter (Pflegerinnen) oder Opfer (Heimbewohner und Rolfi),
die skurrilen Figuren wachsen einem so allesamt ans Herz. Mit viel Gespür nimmt
die Regisseurin immer wieder das Tempo heraus aus dem mitunter wahnsinnig
anmutenden Klamauk. Am Ende sind es die leisen Szenen, die berühren, die haften
bleiben. Und hier zeigt das „AllgäuPfeffer“ – Ensemble eine erstaunliche
Reife und Professionalität.
Von Mitarbeiter Michael Dumler

2002

Im Tod wie ein Star
„King Kongs Töchter“ bieten
einen makaberen Service
Von Klaus
Schmidt
Immenstadt: Ältere Menschen erinnern sich oft gern an die Vergangenheit. Die
Zeit, in der sie selber jung waren, an ihre Schlager- und Leinwand-Idole.
Doch ist daraus nicht unbedingt zu schließen, dass sie selber gerne einmal
so sein möchten wie diese Show- und Filmstars. Und schon gleich gar nicht,
dass sie unbedingt so sterben möchten wie jene. Doch genau diesen Service
bieten drei Pflegerinnen den Bewohnern eines Altersheims. Und zwar in
Theresia Walsers Theaterstück „King Kongs Töchter“, das das Laien-Ensemble
„Allgäu-Pfeffer“ mit Professionalität und Phantasie im Immenstädter
Hofgarten zeigte. „Sterben ist klein genug, da darf man ruhig übertreiben“,
meinen die drei Altenpflegerinnen und entwickeln daraus ihre makabere
Philosophie. Sie verschaffen ihren Patienten einen glamourösen Abgang und
werten dadurch ihre eigene Stellung auf: zu „Chefdisponentinnen des Todes“,
zu „Stewardessen für die letzte Reise“. So versuchen sie ihre eigene
Sehnsucht zu stillen. Die Sehnsucht nach Erfolg und einem Beruf, auf den man
stolz sein kann. Denn bisher blieb ihnen gesellschaftliche Anerkennung
offenbar versagt. Mit wildem Eifer stürzen sie sich deshalb auf die im
Rollstuhl dahinvegetierende, von ihrem Sohn abgeschobene Frau Torwald,
schminken und kostümieren sie als Mae West und sorgen dafür, dass sie mehr
oder weniger sanft entschlummert. Ein Ende, das erstrebenswert erscheint?
Ein Absprung aus dem Karussell der Eintönigkeit: Wie müde gewordene
Raubkatzen im Käfig drehen die Bewohner im Heim ihre immer gleichen Runden,
von der Außenwelt abgeschnitten: Sie bewegen sich im immer gleichen Trott,
hängen den immer gleichen Gedanken nach, lassen sich auf die immer gleiche
Art bevormunden. Die Ausweglosigkeit der Situation machen Inszenierung und
Bühnenbild von Johanna Tögel deutlich: Die Altenheimbewohner können sich
während des gesamten Spiels niemals vor den Blicken des Zuschauers
zurückziehen. Ihre Zimmer sind einsehbar auf einem offenen Gerüst im
Hintergrund untergebracht, die Privatsphäre zur Schau gestellt. In diesem
Dauereinsatz geben die Darsteller jeder Figur ein sehr persönliches Profil:
Eva Marischka mimt zum Beispiel die etwas einfältige und dennoch kesse
Gerti, die sich den zufällig irgendwo aufgelesenen jungen Abenteurer Rolfi
(Frank Wiele) schnappen möchte. Oder Ulrike Rogg kennzeichnet Herrn Nübel
als einen Mann, der stets gute Laune verbreitet. Selbst dann noch, als er
Rolfi versehentlich durch einen Stromschlag ins Jenseits befördert hat.
Solches Skurrilitäten-Kabinett zeichnen Regie wie Schauspieler durchaus
realistisch. Das macht das Stück der Tochter des Schriftstellers Martin
Walser um so erschütternder. Denn auch die Titelheldinnen sind dank des
darstellerischen Talentes von Christine Fleischhauer, Beate Schmid und
Gabriele Sodeur keine Schreckschrauben, sondern Menschen mit Sehnsüchten und
Leidenschaften. So bleibt dem Zuhörer bei den zahlreichen grotesken Pointen
dieses von der Zeitschrift „Theater heute“ als „Stück des Jahres 1999“
ausgezeichneten Werkes das Lachen oft im Halse stecken. Zum Beispiel wenn
King Kongs Töchter die Kostümierung der Todeskandidaten verteidigen:
„Sterben und sich selbst dabei noch ähnlich sein, das ist zuviel verlangt.“
2003

Geschlachteter Sündenbock
Drastisch: Theatergruppe „AllgäuPfeffer“
serviert in Immenstadt die böse Satire „Paniertes“
Von Veronika
Krull
Immenstadt
Die Fassade ist freundlich: Zwei Familien treffen sich an einem großen,
ansprechend dekorierten Tisch zu einem gemeinsamen Mahl. Gastgeberin Therese
hat ihre Kochkünste in köstlich panierten Schweineschnitzeln erstarren
lassen. Gepflegte Tischmusik erklingt, etwas gespreizte Höflichkeiten werden
ausgetauscht. So weit, so gut. Wäre da nicht zu Beginn der gestelzt heiteren
Tafelrunde eine zerrissene Gestalt aufgetaucht, eine junge Frau, die mit
leicht verstörtem Gesichtsausdruck auf Therese und ihren Gatten Reinwald
deutet: Zu dieser Frau, zu diesem Mann habe sie seinerzeit gehört.
So startet das Stück „Paniertes“ der jungen österreichischen Autorin Margit
Mezgolich, in Szene gesetzt von der Kemptner Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“
im Hofgarten zu Immenstadt. Eineinhalb Stunden am Stück spielen die acht
Schauspieler unter der äußerst einfühlsamen Regie von Johanna Tögel. Die
Szenen sind eindringlich, bisweilen drastisch und hinterlassen bei den
Zuschauern ein beklemmendes Gefühl.
S., das geistig etwas zurückgebliebene Mädchen, eine Pflegetochter von
Therese und Reinwald, unterbricht immer wieder das fröhliche Schmausen und
kratzt an der aufgesetzten Fassade, bohrt den Finger in die Panade und
offenbart das wahre Gesicht der Akteure. Reinwald hatte mal ein Verhältnis
mit Sybilla, Sybillas invalider Ehemann ertränkt seine Probleme in Alkohol,
Thereses Bruder Hubert verging sich an seiner Nichte Scarlet, Therese klaut
wie ein Rabe ...
„Das Es“, wie die später von ihren Pflegeeltern verstoßene junge Frau als
Abkürzung für „Schwein“ oder auch als quasi gesichtsloses Neutrum bezeichnet
wird, ist Zeugin dieser Verfehlungen und muss schließlich als Sündenbock
herhalten. Gemeinschaftlich bemächtigt sich die feine Gesellschaft des
Mädchens und bringt es um, schlachtet es regelrecht ab mit einem Stich in
die Halsschlagader – wie ein Schwein eben. Oft genug hatte es ja zuvor
geheißen: Es frisst, es stinkt.
Überaus eindringlich ist das Spiel der kleinen und engagierten Laientruppe.
Sie alle agieren wie Profis, ein jeder geht in seiner Rolle auf, als sei sie
ihm auf den Leib geschrieben. Christine Fleischhauer als S. gelingt es, die
Figur der Außenseiterin sehr präzise darzustellen, Gabriele Sodeur ist eine
ebenso verführerische wie gezierte Sybilla und ihre brave Tochter Antonia,
die so herrlich ausflippen kann, wird sensibel nachgezeichnet von Ulrike
Rogg.
Christoph Müller als „Leitwolf“ Reinwald, seine perfekte (Haus-)Frau Therese
alias Eva Marischka, aber auch Nadine Schneider als die missbrauchte und
zynische Tochter Scarlet und ihr schmieriger Onkel (Rainer Lenzenhuber)
sowie der steifbeinige Georg (Wolfgang Hebenstreit) als Anhängsel der
kraftvollen Sybilla – sie alle tragen mit dazu bei, dass die Zuschauer
nachhaltig beeindruckt den Heimweg antreten.
Auf ihrer kleinen Allgäu-Tournee wird die
Theaterwerkstatt „AllgäuPfeffer“ mit ihrem Stück „Paniertes“ auch in
Sonthofen ein Gastspiel geben: am Samstag, 29. März, im Haus Oberallgäu.
November 2002 AZ
Oberallgäu/Kempten




